GEW

Eine Buchbesprechung der
Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien
der GEW
AJuM

Autor Vinke, Hermann
Titel Wunden, die nie ganz verheilten
Übersetzer / Originalsprache
Illustrator
ISBN 978-3-473-55210-8 Reihe
Verlag Ravensburger, Ravensburg, 2010
Seitenzahl 191 Preis 19,95 € (D)
Ausführung
Einsatzmöglichkeiten Büchereigrundstock
Klassenlesestoff
für Arbeitsbücherei
Medienart Buch: Hardcover Gattung  Sachbuch
Zielgruppe 14-15
ab 18
Inhaltsangabe 27 Menschen werden hier porträtiert, zum Teil interviewt, die während des Dritten Reichs gelebt haben. Die Spannbreite reicht von Profisportlern über Naziprominente und Widerständler in Deutschland und Frankreich bis zu Überlebenden der KZs, Deserteuren, Flüchtlingen und Kindern von Deutschen im damals besetzten Ausland, die nach dem Kriege erheblich unter dem verständlichen Deutschenhass leiden mussten.
Beurteilungstext Das Besondere an dieser Textsammlung ist, dass der Begriff “Zeitzeugen” nicht unbedingt heißt, dass diese Zeitzeugen auch heute noch leben müssen. So wertvoll uns Zeitzeugendokumente auch sein müssen, sie bleiben immer subjektiv und können gar nicht den Anspruch erheben, eine objektive Sicht der Verhältnisse zu vermitteln - sie sind eben individuelle Erinnerungen. Aber gerade das macht sie auch interessant: Nicht was war wann wie genau? sondern: Wie habe ich das damals empfunden, warum handelte ich so, was dachte ich damals?
Zeitzeugenberichte sind so eine notwendige und zugleich anschauliche Ergänzung zur objektiven Geschichtsbetrachtung, das Eine kann eigentlich ohne das Andere nicht sein.
Vinke behandelt seine Personeninterviews und -berichte folgerichtig in Themenkomplexen, die gleichzeitig neben den Äußerungen notwendige Informationen vermitteln, ohne deswegen ein lückenloses Geschichtswerk vorzustellen.

Den Auftakt bildet die Olympiade 1936, der propagandistische Höhepunkt des Nazi-Deutschlands. Vinke kann gut erklären, warum es zu einer so grenzenlosen Begeisterung im Deutschen Reich kam, nimmt er doch kein Blatt vor den Mund.
*Gretel Bergmann war damals die beste Hochspringerin - und durfte nicht teilnehmen, weil sie Jüdin ist.
*Sepp Herberger und Carl Diem werden entthront und objektiv dargestellt.
*Hitler in seinem Führerhauptquartier (Was ist das eigentlich?) und seine Sekretärin, sein Fotograf und sein Kameramann und deren Bedeutung.
*Der Widerstand in Deutschland (Sophie Scholl und Cato Bontjes van Beek) und in der Résistance (besonders beeindruckend:) Stéphane Hessel und Raymond Vernière.
*Über Auschwitz und die Folgen: Simone Veil, Max Mannheimer und Saul Friedländer u.a.
*Der Jurist Thomas Walther, dem zu verdanken ist, das Demjanjuk jetzt doch noch vor Gericht steht.
*Mietek Pemper, der Sekretär, der Schindlers Liste schrieb, das Leben im KZ und Jack Terry, der mit 15 Jahren und einem Gewicht von 34 Kilogramm befreit wurde.
*General Paulus und Ludwig Baumann wurden nach dem Krieg als Deserteure beschimpft (in Westdeutschland natürlich), Baumanns Hartnäckigkeit alleine ist es zu verdanken, dass im Jahre 2009 endlich der Bundestag einen Schlussstrich zog: Endlich ist der ominöse “Kriegsverrat” kein zu ahndendes Verbrechen mehr.
*Die Fluchtkatastrofen und Vergewaltigungen junger Frauen.
Kurze Sachtexte (Olympiade; Stalingrad u.v.m.) erläutern den Zusammenhang, Infokästen klären Begriffe. Einprägsame Zitate in Großschrift lockern die Seiten ebenso auf wie die zahlreichen Abbildungen.

Wie schon in Vinkes Geschichtsbänden kann man hier blättern, nachschlagen oder auch einfach hintereinander weg lesen. Das Resultat ist das Gleiche: Man bekommt mehr als Fakten. Zum Teil sind die Äußerungen und die Schicksale einfach ergreifend; Vinke redet bei der politischen Einschätzung (aus dem 21. Jahrhundert gesehen) nicht herum, er benennt Namen und Taten. Für mich ist besonders wichtig, dass Walther und Baumann genannt und interviewt werden. Sie stehen für eine Haltung, die Vorbild sein sollte. - Mit gleicher Berechtigung hätte der Jurist Fritz Bauer genannt werden können, der den ersten Auschwitzprozess führte - aber da könnte man kein Ende finden und Lexikon dicke Bände schreiben, die dann kein Schüler mehr in die Hand nähme.

Das Dritte Reich ist heute Geschichte. Wenn unsere Schülergeneration schon kaum noch etwas mit Mauer und DDR anfangen kann, wie weit ist dann schon die Nazivergangenheit entfernt? Noch leben Zeitzeugen, noch erinnert sich ein Mensch wie Vinke an Gespräche, Interviews, Aufsätze, die er vor längerer Zeit mit heute längst verstorbenen Zeitzeugen geführt hat, die genau die Unmittelbarkeit vorführen, die nötig ist, um so etwas wie ein Gefühl für die Handlungen in Zeiten der Diktatur und der Massenmorde zu entwickeln. Die Unbegreiflichkeit einer Zahl wie sechs Millionen KZ-Tote bekommt Namen und der Leser bekommt vorgeführt, welche Folgen der Mord an wenigen realen Menschen für die Nachkommen und Überlebenden hat - bis in unsere Tage. Das kann man dann nur noch multiplizieren.
Am erstaunlichsten aber finde ich, dass Vinke Prominente und Unbekannte gefunden hat, die alle eines gemeinsam haben: sie empfinden keinen Hass gegen die Deutschen oder die Menschen anderer Staaten, die unmittelbar am Schicksal ihrer Familie schuldig sind. Alle sind dafür, manche äußerst aktiv, sich mit den jungen Menschen von heute so auseinanderzusetzen, dass sie nie wieder einen Staat wie den der Nazis entstehen lassen.

Bewertung

 sehr empfehlenswert

Rezensent

 cjh, Berlin

  in der AJuM Datenbank Ja
  Für namentlich oder mit Namenskürzel gekennzeichnete Beiträge und Beurteilungen liegt die presserechtliche Verantwortung beim jeweiligen Autor bzw. bei der jeweiligen Autorin.
 
AJuM der GEW c/o Ulrich H. Baselau, Osterstr. 30, 26409 Wittmund