GEW

Eine Buchbesprechung der
Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien
der GEW
AJuM

Autor Hijuelos, Oscar
Titel Runaway
Übersetzer / Originalsprache Ohnemus, GünterAmerikanisch
Illustrator
ISBN 978-3-596-85382-3 Reihe Die Bücher mit dem blauen Band
Verlag Fischer Schatzinsel, Frankfurt, 2010
Seitenzahl 359 Preis 19,95 € (D)
Ausführung
Einsatzmöglichkeiten Büchereigrundstock
Klassenlesestoff
Medienart Buch: Hardcover Gattung  Adoleszenzroman
Zielgruppe 14-15
ab 18
Inhaltsangabe Harlem, 60er Jahre. Hier wohnt Rico mit seinen Eltern, die aus Kuba ausgewandert sind. Das Klima ist rau, Rico, der relativ hellhäutig ist, wird zur Zielscheibe aggressiver Schwarzer und Latinos. Der Drogenhandel blüht. Immer seltener lässt Rico sich in der Schule blicken, wo Gewalt herrscht. Als Ricos Eltern ihn wegen der Schwänzerei auf eine Militärakademie geben wollen, haut er nach Wisconsin ab, wo sein Kumpel Gilberto seit einem Lottogewinn eine Farm betreibt.
Beurteilungstext Die Reihe Die Bücher mit dem blauen Band vom Fischer Verlag stehen nicht nur für eine besonders ansprechende Ausstattung (Schuber, Leseband, fotobedruckter Stoffeinband), sondern auch für besondere Inhalte. Da ist Runaway keine Ausnahme, der erste Jugendroman des Pulitzer-Preisträgers Oscar Hijuelos.
Der 15-jährige Rico ist ein Wanderer zwischen den Welten, der aufgrund äußerlicher Merkmale - erstaunliche Hellhäutigkeit - in seiner ethnischen Gruppe nicht ganz zu Hause ist. Auch sein Hang zur Literatur, sein verträumter Wunsch, mit seinem Kumpel Jimmy Comics zu schreiben und zu zeichnen, machen ihn zu einem Außenseiter. Und er lebt in einer Welt, in der das aggressiv kundgetan wird. Unterstützung findet er am ehesten bei seinem alkoholkranken Vater, seine Mutter dagegen hat ihm immer noch nicht verziehen, dass er als Baby schwer krank wurde und die Familie durch die medizinischen Kosten an den Rand der Armut getrieben hat. (Nach der Gesundheitsreform 2010 wäre also dieser Hauptkonflikt nicht mehr denkbar, ein sehr spezielles Beispiel für die Bedeutung des historischen Kontextes beim zeitgenössischen Jugendroman).
Nach ihrer Flucht aus Harlem und ihren turbulenten Irrwegen im Mittleren Westen angekommen, müssen Rico und Jimmy auf der Farm ihres Harlemer Kumpels Gilberto ganz neue und manchmal nicht angenehme Pflichten übernehmen. Rico fühlt sich zudem verantwortlich für Jimmy, der immer wieder in seine Drogensucht zurückfällt. Dadurch wird Rico ein Stück verantwortungsvoller. Während die Hippies auf der Farm sich allmählich in Pärchen finden, es mit Hanfanbau versuchen, und sich für jeden von ihnen herauskristallisiert, wohin die (Lebens-) Reise gehen soll, ist Rico zunächst mit seinem Job als Tankwart zufrieden. Auch hier haben wir wieder das Bild der Straße, des Reisens, der Fahrt, wobei der Protagonist sich aber nicht fortbewegt. Stattdessen kommen die Ereignisse jetzt zu ihm: Angst vor nächtlichen Kunden, ein Überfall, ein betrunkener Fahrer.
Ricos Entwurzlung wird etwas gemildert, als er sich im middle west mehr um spanische Sprache bemüht, was er zuhause stets abgelehnt hat. Und richtig glücklich wird er mit dem Mädchen Sheri, der Tochter eines weißen Staatsanwaltes, der unter Alkohol zu Gewalt neigt. Nach ca. einem Jahr kehrt Rico allein nach New York zurück, in der Erkenntnis, dass er seine Schule abschließen möchte und in der Hoffnung, den Spannungen in seiner Familie und seinem Stadtteil gelassener entgegen treten zu können.
Der Roman ist in der Ich-Form geschrieben. Dialoge, innere Monologe und Beschreibungen halten sich ungefähr die Waage. In weiten Teilen bedient sich der Autor einer gemäßigten Jugendsprache, die durchaus authentisch wirkt. Der Erzähler wendet sich häufig direkt an den Leser: "Ich kann euch sagen, "ihr könnt mir glauben, "also, vielleicht wisst ihr, was ich meine …."
Ein amüsantes, trotz des tragischen Potenzials warmherziges Buch mit einem versöhnlichen, wenn auch offenen Ende. Gelegentlich hat sich mir beim Lesen allerdings die Frage gestellt, ob das Leben im sehr weißen Mittleren Westen in den 60er Jahren sich nicht etwas explosiver gestaltet hätte, ob eine Farm, in der sich Hippies und Latinos versammeln, nicht doch Zielscheibe weißer Aggressionen gewesen wäre.
Bewertung

 sehr empfehlenswert

Rezensent

 krä, Berlin

  in der AJuM Datenbank Ja
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