GEW

Eine Buchbesprechung der
Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien
der GEW
AJuM

Autor Glass, Linzi
Titel Im Jahr des Honigkuckucks
Übersetzer / Originalsprache Günther, Ulli & HerbertEnglisch
Illustrator
ISBN 978-3-446-23511-3 Reihe
Verlag Hanser, München, 2010
Seitenzahl 253 Preis 14,90 € (D)
Ausführung
Einsatzmöglichkeiten Büchereigrundstock
Medienart Buch: Taschenbuch Gattung  Adoleszenzroman
Zielgruppe 12-13
14-15
16-17
ab 18
Inhaltsangabe Zu der Zeit, in der Nelson Mandela noch auf der Gefängnisinsel saß, lebt Emily mit Schwester und Eltern in der südafrikanisch-weißen Idylle. Dass die Ehe der Eltern brüchig ist, erfährt sie drastisch; ein Symptom ist der ständige Besuch irgendwelcher Leute, diesmal einer wohnsitzlosen Familie mit zwei verwahrlosten Jungen. Die vier Kinder befreunden sich, bis die Schwester in eine Katastrofe gerät und daran zerbricht. Die Welt geht entzwei, nur die Liebe der Dienstboten rettet Emily.
Beurteilungstext Die Ehe der Eltern wird von der Ich-Erzählerin mit der Stadt Johannesburg verglichen: eine scheinbare Einheit, innerlich aber völlig zerbrochen, auseinander fallend. Diesen Zwiespalt beschreibt sie bis zum Schluss, als die Ehe längst auseinander gegangen ist, als längst klar geworden ist, dass die Apartheid das Land mehr trennte als einte. Die Handlung beschränkt sich auf den Bruch der Familie: Die Mutter ist egozentrisch, der Vater nimmt blind nichts wahr und lädt die Katastrofe leibhaftig in das Haus ein. Diese ist ein Künstlerehepaar, sie auf eigene Art auf sich beschränkt, er ein gewalttätiger und rassistischer Tierfotograf, der 16-jährige behinderte Sohn ein Monstrum von Körper, liebenswert beschränkt, aber auch zu Gewalttaten neigend, die er nicht durchschaut und der eher verwahrloste Streak, in den sich Emily vorpubertär harmlos verliebt. Diese beiden durchmessen ihre Welt der realen Umgebung und der Vorstellungen in ständiger Spannung. Beide Schwestern beginnen die Jungs vorsichtig und mit zwar beschränktem, aber durchaus sichtbarem Erfolg zu erziehen, zu unterrichten. Immer wieder gibt es Rückschläge, wenn deren Vater einen seiner cholerisch-gewalttätigen Anfälle bekommt, aber jedes Mal gelingt es den Mädchen, die Jungen wieder zu öffnen. Die 15-jährige Sarah ist den Jungs wie dem Leben gegenüber unglaublich naiv und gut gläubig, Emily warnt sie mehrfach, aber Sarah rennt buchstäblich in ihr Verderben und wird von dem älteren der beiden Brüder vergewaltigt. Emily rettet sie im letzten Augenblick, aber Sarah ist zerbrochen und begeht Selbstmord - die Mädchen haben sich zu sehr von ihren Eltern entfernt, als dass sie sich ihnen hätten offenbaren können.
Das erste Kapitel hätte mich beinahe dazu gebracht, das Buch zur Seite zu legen: die oberflächliche Mutter versucht ihren Töchtern ihren Lebensinhalt Schönheit, Schminken, Kleidung, Aussehen, Gesellschaft zu vermitteln. Ich befürchtete schon, an einen der Glitzerromane geraten zu sein. Das war aber glücklicherweise schon alles, im Weiteren gibt es die realistische Einschätzung der 12-Jährigen, deren Interessen völlig anders sind.
Keineswegs Nebenhandlung ist das Leben mit den schwarzen Bediensteten, der Haushälterin Lettie, die die wahre Mutter für die beiden Mädchen spielt, obwohl sie ein Menschen unwürdiges Leben neben dem Luxus der Weißen-Villa führen muss. Der Nachtwächter Buza ist vor allem für Emily ein wahrer Großvater, voller Liebe und Geschichten (unter anderem der des Honigkuckucks). Ihm widerfährt eine besonders abstoßende Reaktion des Apartheid-Staates, auf die anfangs auch Emilys Vater nur unwillig reagiert, erst als er sich selbst ungerecht behandelt fühlt (wieso er sich so um einen “Kaffir” kümmere?), wird er ärgerlich, aber eigentlich nur, weil seine Tochter das mitbekommt. Aus dem Gefängnis befreit wird Buza aber nur, weil Emily sich nachhaltig und emotional darum kümmert. Die gesamte Widerlichkeit der Apartheidspolitik beschreibt Linzi Glass komprimiert in wenigen Szenen, die um so präsenter im Gedächtnis bleiben. So mag es den großartigen Schwarzen gegangen sein, die ihre Situation nur deswegen überleben konnten, weil sie ihre Hoffnungen nicht aufgaben und - wie Buza erzählt - die große Identifikationsfigur eines Nelson Mandela vor Augen hatten.
Alle Szenen und Personen sind auf Gegensatzpaare angelegt, die in ihrer Kontrastierung auch dem unbedarften Leser verdeutlichen, was die Autorin vermitteln will. Menschlichkeit und Unmenschlichkeit verstärken sich gegenseitig; das einander bekämpfende und sich nur selbst sehende Ehepaar steht gegen die Menschlichkeit der beiden Schwarzen, ebenso wie deren Armut und Bedürfnislosigkeit gegen den Reichtum und Luxus der Eltern stehen. Dass Buzas Familie fernab lebt, steht gegen die Blindheit der Eltern gegenüber ihren Töchtern; gleichzeitig wird deren dennoch vorhandene Liebe gegen das haltlose Leben der Vagabunden gestellt; beider Kinder stützen sich gegenseitig, beide Male scheitern die jeweils Jüngeren in ihren Versuchen die Älteren zu retten. Aber Emily hat die Chance in ihrer Gesellschaftsschicht ein eigenes und zukunftsträchtiges Leben zu führen, für Streak bleibt wenig Hoffnung.
Ein groß angelegtes Bild von Familie und Liebe, von Tod und den Notwendigkeiten, sich diesem zu stellen, von Schicksalsschlägen und Hoffnung, ein Gewinn für jedes Alter ab 12 Jahren.
Bewertung

 sehr empfehlenswert

Rezensent

 cjh, Berlin

  in der AJuM Datenbank Ja
  Für namentlich oder mit Namenskürzel gekennzeichnete Beiträge und Beurteilungen liegt die presserechtliche Verantwortung beim jeweiligen Autor bzw. bei der jeweiligen Autorin.
 
AJuM der GEW c/o Ulrich H. Baselau, Osterstr. 30, 26409 Wittmund