GEW

Eine Buchbesprechung der
Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien
der GEW
AJuM

Autor Chidolue, Dagmar
Titel Flugzeiten
Übersetzer / Originalsprache
Illustrator
ISBN 978-3-596-80703-1 Reihe
Verlag Fischer Schatzinsel, Frankfurt, 2010
Seitenzahl 252 Preis 6,95 € (D)
Ausführung
Einsatzmöglichkeiten Büchereigrundstock
Medienart Buch: Taschenbuch Gattung  Adoleszenzroman
Zielgruppe 12-13
14-15
16-17
ab 18
Inhaltsangabe Die Geschichte einer Jugend von 1932 bis 1940 unter schwierigsten Lebensbedingungen - mehr als sechzig Jahre später erzählt;
ein Versuch, den Erfolg der „Psychologie der Verführung“ zum Nationalsozialismus nachzuvollziehen.
Beurteilungstext Bonna, geboren 1919, ältester von sechs Geschwistern, lebt in seiner Kindheit und Jugend in Ostpreußen, mit seiner Familie in zwei Zimmern neben der Molkerei, in der sein kranker Vater arbeitet. Ohne eine andere Perspektive auf Änderung seiner Situation, ist er den Sprüchen und Versprechungen der Nationalsozialisten ausgesetzt; genießt in einer „Fliegerschar“ erstmals Freiheit und „Ordnung“ und meldet sich schließlich als Freiwilliger zur Wehrmacht. 1940 stirbt sein Vater und er muss die Stelle als Familienoberhaupt einnehmen – erwachsen sein.

Dagmar Chidolue schreibt die Geschichte ihres Vater Bruno, genannt Bonna, konsequent aus der Perspektive des pubertierenden Jugendlichen in den Jahren 1932-1940. Er darf als Dreizehnjähriger seit kurzem auf einer Pritsche schlafen – alle anderen fünf Kinder müssen in einem Bett schlafen, die Eltern im gleichen Zimmer. Es stinkt und ist laut, man zankt sich und hungert, der Vater ist krank und die Mutter muss stark sein. Der Älteste –Bonna- ist der Stolz der Mutter- und will es sein. Andere Gefühle kann man sich nicht leisten und verdrängt sie so gut es geht.
Nie wurde in Bonnas Umgebung geredet, sich mit-geteilt. Und so bleibt er allein: mit der Enge und der Unordnung, dem Lärm und dem Hunger, dem Ekel und der Scham, der Liebebedürftigkeit und dem Stolz.
Es fehlt an Möglichkeiten zu lernen und zu verstehen; es gibt keine Ausbildungsstelle, keine sinnvolle Arbeit; keiner erklärt, keiner zeigt eine Perspektive auf, - bis die Nazis kommen. Sie „wissen“, wer Schuld ist, was zu tun ist; sie bringen „Ordnung“ und – Abwechslung in das triste Leben des Jungen.

In knappen Worten und spröden Sätzen mit vielen ostpreußische Floskeln – die am Ende des Buches erklärt werden – wird die authentische Geschichte erzählt (In einem Nachwort am Ende des Buches wird die Familie ausführlich dargestellt.)

Der Protagonist musste noch als Vater seine Tochter barsch zurückweisen, als sie danach fragte, warum er freiwillig in den Krieg gegangen ist: „Du hast ja keine Ahnung, was für Zeiten das damals waren.“
Über achtzig Jahre alt musste er werden, bis er sich endlich mitteilen konnte, was ihm widerfahren ist und sein Leben geprägt hat – und das seiner Kinder.
Erst dann ist eine Plattform gefunden, ein gemeinsames Interesse, das möglich macht, das äußere und innere Geschehene so zu betrachten, das es hilfreich ist.

„Die Psychologie der Verführung“ zu erkunden, ohne Vorwürfe, um zu verstehen, um zu heilen und – um die Bedingungen zu kennen, die Menschen in die Arme von Menschen treiben, die einfache Lösungen bereit halten. Das scheint in Deutschland in Bezug auf die Vergangenheit in der 3. Generation möglich zu sein.
Aber Armut und Perspektivlosigkeit gab es nicht nur in vergangenen Zeiten...
Bewertung

 sehr empfehlenswert

Rezensent

 , Niedersachsen

  in der AJuM Datenbank Ja
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