GEW

Eine Buchbesprechung der
Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien
der GEW
AJuM

Autor Chidolue, Dagmar
Titel Flugzeiten
Übersetzer / Originalsprache
Illustrator
ISBN 978-3-596-80703-1 Reihe
Verlag Fischer Schatzinsel, Frankfurt, 2010
Seitenzahl 250 Preis 6,95 € (D)
Ausführung
Einsatzmöglichkeiten
Medienart Buch: Taschenbuch Gattung  Biografie/Biografische Erzählung
Zielgruppe 14-15
ab 18
Inhaltsangabe Bonna wächst in sehr ärmlichen Verhältnissen auf. Die große Familie lebt in einer 2-Zimmer-Wohnung, aber der Vater hat eine sichere Stellung. Von 1932 bis 1940 erzählt je ein Kapitel von jedem Jahr, in dem Bonna heranwächst, Lehrling wird, zum Arbeitsdienst kommt und zum Militär. Völlig unpolitisch wächst er auf, er bekommt keine Zusammenhänge mit, nur ihre unmittelbaren Erscheinungsformen, glaubt nicht an Hitler, aber auch an keine Alternative.
Beurteilungstext An die 100 Seiten braucht Bonna, um das erste Mal davon zu sprechen, vom Fliegen zu träumen. Genauso bedächtig geht es voran. Dagmar Chilodue erzählt zwar auktorial und eng, fast in einem ununterbrochenen Inneren Monolog, sprachgenau am Duktus eines einfachen Menschen haftend: Überwiegend parataktisch, einfachste Sätze, überaus häufige Ellipsen. Das wirkt zwar authentisch, ist aber ebenso ermüdend. Die ärmlichen Verhältnisse, in denen Bonna aufwächst, wie er konfirmiert wird (mindestens damals ein einschneidendes Erlebnis, weil es wirklich zeitgleich mit dem Abschluss der Volksschule den Eintritt ins Erwachsenenleben bedeutete), seine Lehre beginnt, sind vorherrschend. Bonna ist nicht der Norm entsprechend, überempfindlich registriert er Gerüche und Geräusche - zumindest im letzteren Bereich können unsere iPod-Kinder das nicht mehr nachvollziehen. Gleichzeitig wächst er mit Alltagsanforderungen auf, die von unseren meilenweit entfernt sind: einer Taube den Hals umdrehen, ein Kaninchen zu schlachten erscheinen zwar erwähnens-, nicht aber eigentlich bemerkenswert.
Dass Bonna in der Nazizeit groß wird, scheint anfangs nur eine Anekdote zu sein. Sein Leben ist unberührt davon, er ist und denkt völlig unpolitisch. Nur sein herzkranker Vater bekommt jedes Mal einen Herzanfall, wenn die aufkommenden Nazis einen Triumph registrieren können oder Bonna Kontakt aufnimmt. Der Vater flucht über sie und beschimpft sie, Bonna aber versteht eigentlich nicht so recht, warum. Er sieht darin nur, dass der Vater dem Reichsbanner (wahrlich kein fortschrittlicher Verein) nachweint, dessen Verbot er betrauert; gleichwohl kann er Bonna keinen Grund nennen, warum er die Nazis eigentlich verabscheut. Wie überhaupt verbale Auseinandersetzung nicht die Sache der Familie ist, sie handelt lieber. Musterexemplar dafür ist Bonna, der in Situationen, in denen andere erstarren, zugreift und rettet; aber sich dann darüber groß zu unterhalten liegt ihm nicht. Da Politik zur verbalen Auseinandersetzung gehört, findet sie in seinem Kopf nicht statt. In diesen Jahren sprechen die anfänglichen Erfolge der Hitlerarmee für sich, Probleme tauchen erst später auf und damit vielleicht auch für Bonna die Notwendigkeit, sich darüber Gedanken zu machen. So registriert er zwar erstaunt, dass Juden und Menschen, die Verpöntes machen, “abgeholt” werden, was das aber eigentlich heißt, überlegt er nicht. Wohl weiß er, dass das “Abgeholt-Werden” bedrohlich ist. Alles andere ist aber Gedankenarbeit, und die liegt ihm nicht.

Chidolue entwirft ein Modell, dem das Leben ihres Vaters zu Grunde liegt, das sehr genau beschreibt, wie ein Jugendlicher in der ersten Nazizeit aufwuchs. Völlig unideologisch lebte der Junge und ebenso unideologisch, unreflektiert beschreibt die Autorin die Gedankenwelt des Jungen. Von außen kann man registrieren, wie sich das Leben von 1932 bis 1940 zunehmend militarisierte, das ist eine Entwicklung, die so langsam und dennoch mächtig voranschritt, dass sie von fast der gesamten Bevölkerung mitgetragen wurde. Ein mikroskopischer Einblick in das Leben im Dritten Reich.

Aber für wen ist dieses Buch gedacht? Eine Hommage an den Vater Chidolues gewiss: Diese einfache Sprache kenne ich nur noch aus meiner frühen Kindheit - heute ist sie vergessen. Ich finde es einfach erstaunlich, wie authentisch Chidolue diese Sprache wieder heraufbeschwört. Aber ich kann mir keinen Jugendlichen vorstellen, der sich darein vertiefen möchte. Historisch ist die Erzählung auch weniger lehrreich als dass sie ein 1:1-Bild dieser Zeit vermittelt. Man müsste dagegen setzen das Nazi-Propagandabild des “Quax, der Bruchpilot” aus dem gleichen Milieu (was ich aber wiederum keinem auch nur etwas naiven jungen Leser in die Hand drücken würde) oder/und eines der modernen Nazijugendbücher oder -filme wie “Napola” (Gansel) oder auch Wickis “Die Brücke”.
Bewertung

 eingeschränkt empf.

Rezensent

 cjh, Berlin

  in der AJuM Datenbank Ja
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