GEW

Eine Buchbesprechung der
Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien
der GEW
AJuM

Autor Kooij, Rachel van
Titel Eine Handvoll Karten
Übersetzer / Originalsprache
Illustrator
ISBN 978-3-7026-5817-5 Reihe
Verlag Jungbrunnen, Wien, 2010
Seitenzahl 270 Preis 16,90 € (D)
Ausführung
Einsatzmöglichkeiten Büchereigrundstock
Medienart Buch: Hardcover Gattung  Tagebuchroman
Zielgruppe 12-13
ab 18
Inhaltsangabe Eine holländische jüdische Familie, musisch und durchschnittlich, erlebt das Dritte Reich völlig uninteressiert, bis die Deutschen in ihr Land einmarschieren. Sofort beginnt die Naziverfolgung, erst fast unscheinbar, dann aber mit riesigen Schritten fortschreitend bis zur Deportation und Ermordung der gesamten Familie.
Beurteilungstext Eigentlich beginnt das Buch erst nach 70 mühevollen Seiten, als die Sprache auf den Kriegsbeginn kommt. Offensichtlich ist, dass die Autorin das Umfeld, die gesamte Familie und das Leben der Hauptperson genau beschreiben will. Das ist, wenn man bei der Geburt beginnt, nicht ganz einfach. Hier aber schwankt der Leser von der Sicht der einen Person zur anderen, auf zwei Seiten wird ein Dutzend Familienangehörige vorgestellt, die aber noch keinerlei Bedeutung haben. Für eine Familiensaga mag das angehen, für eine Jugendlektüre ist das verwirrend. Gerade für Jüngere wäre es wichtiger gewesen, Vieles wegzulassen, dafür konsequent die Perspektive der Leny einzuhalten. Die folgende Handlung spricht für sich und Lenys Erleben ist eindringlich genug beschrieben, so dass der ständige Wechsel in die Sicht der Mutter, des Vaters, der Freunde und anderer Familienangehöriger auch weiterhin eher verwirrt als hilft. Man muss nicht so konsequent sein, wie Grass in der Blechtrommel, in der Oskar schon seine Geburt distanziert, aber persönlich erlebt beschreibt, aber diese Hürde hier ist für nicht besonders duldsame Leser sehr hoch.
Dabei würde es sich auch für sie lohnen, weiter zu lesen. Die folgenden Datennotizen zeigen die zunehmende Einengung des täglichen Lebens für die Juden. Anfänglich nimmt das keiner so richtig ernst, aber nach und nach wird ihnen die Luft abgeschnürt. Dennoch nehmen die Eltern keine Hilfsangebote an, bei Freunden oder Bekannten unterzutauchen, auch bei immer auswegloser erscheinenden zusätzlichen Repressalien wollen sie nicht wahr haben, was auf sie zukommt. Die Kinder ahnen mehr als dass sie wissen, wohin die Entwicklung geht. Selbst als die Aufforderung zum Transport ins KZ kommt, glaubt die Familie immer noch, irgendwie ginge es gut; vielmehr: sie will es glauben, denn alle Informationen, die sie natürlich auch haben, deuten auf das Gegenteil hin.
Die Autorin ging den wenigen Informationen aus ihrer Großelterngeneration so einfühlsam nach, dass für mich erstmals erkennbar wird, warum so viele Familien eigentlich offenen Auges in das Verderben zogen. Nicht nur der Terror der (auch holländischen!) Nazis zwang sie dazu, sondern ebenso das fatale Vertrauen in ein gutes Ende, für das nichts sprach.
Bewertung

 empfehlenswert

Rezensent

 cjh, Berlin

  in der AJuM Datenbank Ja
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