GEW

Eine Buchbesprechung der
Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien
der GEW
AJuM

Autor Mayer, Gina
Titel Die verlorenen Schuhe
Übersetzer / Originalsprache
Illustrator
ISBN 978-3-522-20073-8 Reihe
Verlag Thienemann, Stuttgart, 2010
Seitenzahl 379 Preis 18,00 € (D)
Ausführung
Einsatzmöglichkeiten Büchereigrundstock
Klassenlesestoff
für Arbeitsbücherei
Medienart Buch: Hardcover Gattung  Historische Erzählung
Zielgruppe 12-13
ab 18
Inhaltsangabe Zwei Mädchen sind auf der Flucht vor der sowjetischen Armee von Schlesien nach Württemberg. Eine abenteuerliche Geschichte, die durch die Diskussion um die Stiftung “Vertreibung” eine hohe Aktualität bekommt. Die Ängste der jungen Frauen, die Panik der Flüchtlingstrecks, die bornierten und gefährlichen SS-Kontrollen überkreuzen sich mit dem Bombenangriff auf Dresden, den unberechenbaren Fahrplänen der Bahn und den selbstsüchtigen Plünderungen anderer Flüchtlinge.
Beurteilungstext Wäre nicht die Grundkonstellation der beiden flüchtenden Mädchen, handelte es sich vielleicht um einen der vielen Flüchtlingsberichte der letzten Kriegstage. Die Autorin setzt hier aber kontrapunktisch zwei Mädchen gegeneinander, die nur durch die gemeinsame Flucht zusammen sind und erst langsam zusammen wachsen.
Die Gutsbesitzerstochter Inge wächst Hitler gläubig auf dem schlesischen Gut auf, verlobt sich mit einem benachbarten Erben, der fanatischer Nazi und Offizier ist. Dass er sie nicht ganz ernst nimmt, sie als “mein Kind” bezeichnet, obwohl sie schon als Kinder zusammen gespielt haben, irritiert sie zwar, lässt sie aber an ihrer Liebe nicht zweifeln und er bietet ihr auch mit seinem Glauben an die neuen “Wunderwaffen” (er raunt, ohne selbst zu wissen, was das ist, von so etwas wie der Atombombe) Grund genug, an den “Endsieg” zu glauben. Auf beider Höfe arbeiten als Ersatz für das eingezogene Personal “Fremdarbeiter”, meist Polen. Sie werden unterschiedlich gut behandelt. Auf Inges Hof essen sie gemeinsam mit dem deutschen Personal, auch wenn das eigentlich verboten ist, auf seinem Hof bekommen sie nur Wassersuppe und werden streng separiert.
Wanda ist eine polnische “Fremdarbeiterin” an Inges Hof, kein Mensch weiß, dass ihr Vater Germanistikprofessor unter anderem auch in Berlin war. Ebenso weiß niemand, dass sie Klavier spielen kann, noch dass sie perfekt und nahezu akzentfrei Deutsch spricht. Deswegen ist Inge auch erst maßlos erstaunt, als Wanda ihr auf der Flucht deutsch antwortet, dafür dann umso misstrauischer. Dieses fast grenzenlose Misstrauen ist gegenseitig. Wanda sieht in Inge nur die verwöhnte Gutsbesitzerstochter, die überhaupt nicht versteht, was los ist, und Inge sieht in Wanda eine ungebildete Landarbeiterin, die verstockt und stumm ist. Das Eis zwischen ihnen beginnt erst zu schmelzen, als Wanda verhindert, dass Inge von russischen Soldaten vergewaltigt wird. Eigentlich kapiert die naive Gutsbesitzerstochter selbst in dieser Situation nicht, was los ist, wohl aber, dass Wanda Grauenhaftes verhindert und dabei sehr wohl sich selbst der Gefahr einer Vergewaltigung aussetzt.
Die Naivität Inges lässt die beiden noch manches Mal auf Betrüger und Diebe hereinfallen, ihr Unglück aber bringt sie einander näher, so nah, dass sie am Ende sogar zusammen bleiben, auch wenn beide allein unter Umständen bessere Chancen gehabt hätten.
Aber auch Inge verliert ihre Naivität, wird am Schluss sogar erwachsen, was Wanda schon werden musste als Polin im besetzten Land, ständig auf der Hut, enttäuscht von ihrer ersten Liebe, dann von den Deutschen verhaftet und deportiert auf den schlesischen Hof. Inge erkennt erst, in welchen Illusionen sie lebte, als ihr Offiziers-Freund sie zufällig im Treck findet, aber nicht im Traum daran denkt, sie in seinem Auto mitzunehmen. Er als Soldat traut sich nicht, mit einer Frau zu fliehen. Inge erkennt die Hohlheit seiner Phrasen - und letzte Zweifel schwinden, als sie seinen Mitfahrer als Fahnenflüchtling am Wegesrand erhängt sieht. Das kann eigentlich nur ihr “Freund” gewesen sein!
Nach langen Irrwegen in Kutsche, zu Fuß, per Bahn kommen sie schließlich in Württemberg an und finden - die Schwaben sind keineswegs erfreut, solche Massen von Flüchtlingen unterbringen und versorgen zu müssen - endlich eine sehr auskömmliche Stellung bei der amerikanischen Besatzungsarmee; jetzt zahlt es sich aus, dass sie beide Klavier spielen können und sie treten in den Clubs auf.

Die Handlung selbst mit allen Randerscheinungen ist tausendfach erlebt und vielfach ähnlich beschrieben worden. Hier kommen sogar die Eingesessenen ihres Zielortes recht gut weg (wenn ich zum Beispiel an Härtlings “Krücke” denke, was wohl eher der Normalfall gewesen sein dürfte). Aber der eigentliche Inhalt ist der Weg der beiden so gegensätzlichen Mädchen aufeinander zu. Das Einzige, was sie anfangs gemeinsam haben, ist ihre Angst vor der sowjetischen Armee. Sie wissen nicht, inwieweit diese Angst nur der Nazipropaganda zu verdanken oder berechtigt ist. Ihre Erfahrungen sprechen für sich, sie beide wachsen an der Herausforderung - aber sie wachsen nicht entgegengesetzt, sondern aufeinander zu. Auch wenn es fraglich bleibt, ob Wanda sich jemals wieder als Polin verstehen wird - am Anfang ist sie es, ihre Wurzeln sind es und Inges Vorurteile bestätigen sie. Aber sie erkennen, dass sie sich aufeinander verlassen können und haben kein Problem, sich und der anderen ihre Fehler einzugestehen.
Beider Geschichte ist die einer Vertreibung, beider Vertreibung ist objektiv unterschiedlich, subjektiv aber ein traumatisches Erlebnis, das sie verarbeiten können, weil sie es gemeinsam durchstehen. Und sie sind sich einig in der Ursache: Die Deutschen haben den Krieg begonnen. Ohne den Krieg hätte es weder die Vertreibung der Deutschen noch die Vertreibung der Polin gegeben.
Das macht am Ende Inge den Eltern ihres “Bräutigams” klar, die sie zufälligerweise in Nördlingen trifft. Als die meinen, Wanda als Polin denunzieren zu müssen, rechnet Inge lauthals mit der Nazi-Sympathie ab, von der sie jetzt aber überhaupt nichts mehr wissen wollen. Hochnäsig ziehen die beiden Alten ab. Dass sie in ihrer Welt weiter leben können, wissen wir heute. Die beiden Mädchen, die am Beginn eines völlig neuen Lebens stehen, bleiben konsterniert zurück.

Im Anhang führt die Autorin ein Interview mit einer Zeitzeugin, das eigentlich nur Zeugnis davon ablegt, welche Arbeit darin besteht, aus Zeitzeugenberichten einen lesbaren Roman anzufertigen. Das sich anschließende Glossar erklärt Begriffe von Ahle bis Zwangsarbeit. Manche Erläuterungen sind allerdings m. E. zu nichtssagend, z.B. zu DESERTEUR steht nur, er hätte sich dem Wehrdienst entzogen. Dass Todesstrafe darauf stand, der Ehrverlust dazu führte, dass Jahrzehnte lang die Deserteure der Wehrmacht um ihre Rente kämpfen mussten, während die Kriegsverbrecher längst hohe Pensionen bezogen und erst im neuen Jahrtausend der Bundestag ihre Ehre wieder herzustellen bereit war, hätte hier unbedingt mit aufgenommen werden müssen.
Bewertung

 sehr empfehlenswert

Rezensent

 cjh, Berlin

  in der AJuM Datenbank Ja
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