GEW

Eine Buchbesprechung der
Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien
der GEW
AJuM

Autor Mayer, Gina
Titel Die verlorenen Schuhe
Übersetzer / Originalsprache
Illustrator
ISBN 978-3-522-20073-8 Reihe
Verlag Thienemann, Stuttgart, 2010
Seitenzahl 380 Preis 18,00 € (D)
Ausführung
Einsatzmöglichkeiten
Medienart Buch: Hardcover Gattung  Historischer Roman
Zielgruppe 14-15
16-17
ab 18
Inhaltsangabe Der Zweite Weltkrieg hat seinen Höhepunkt erreicht. Auch Inge kann ihre Augen nicht mehr verschließen und findet sich wenig später auf der Flucht mit Wanda aus Polen auf der Straße wieder. Eine Gutsherrentochter und eine Fremdarbeiterin - fremder könnten die Welten nicht sein, unterschiedlicher die Menschen nicht, die das Schicksal hier zusammen fügt. Eine packende Flüchtlingsgeschichte aus der Sicht zweier junger Frauen an der Schwelle zum Erwachsensein.
Beurteilungstext Es ist 1944. Inge wächst wohlbehütet auf dem Gutshof Hohenau in Schlesien auf, spielt Klavier, besucht das nahe gelegene Internat und liebt die Reiterei. Ganz im Gegensatz zu ihren Eltern, die ein Leben außerhalb der Nazigrausamkeit zu leben suchen, glaubt Inge noch immer an den Endsieg. Sie will nicht wissen, was tatsächlich in der Welt um sie herum geschieht. Will nichts hören von Gräueltaten und Schuld, gehört ihre Liebe doch dem schneidigen und Hitler ergebenen Soldaten Wolfgang von Brandt. Die gleichaltrige Wanda lebt ebenfalls auf Gut Hohenau und doch in einer ganz anderen Welt. Sie kam als Fremdarbeiterin aus Polen, verraten vom Geliebten, verschleppt vom Feind. Doch auch sie hatte ein wohlbehütetes Zuhause zwischen Klavierspiel, Literatur und Theater. Bis der Krieg ihr Leben und das ihrer Familie zerstörte.
Die näher rückende Rote Armee schließlich führt das Schicksal der beiden Mädchen zusammen, zwingt sie zur Flucht. Gemeinsam versuchen sie Richtung Westen dem Unvorstellbaren zu entkommen. Eine Reise, auf der auch die achtzehnjährige Inge das Ausmaß der von den Nazis begangenen Gräueltaten realisiert. Und mit dem Erkennen der Welt, stirbt die Liebe. "Die Voraussetzungen hatten sich verändert. (...) Das liebe Kind, das Wolfgang einmal geliebt hatte, gab es nicht mehr." Auch die Fremdarbeiterin Wanda erscheint Inge nun in einem anderen Licht. Früher als Inge holte Wanda die unmenschliche Realität des Krieges ein. Auch sie verlor ihre Liebe an den Krieg. Auf dem Kutschbock frierend, hungernd und einsam gleichen sich die Erfahrungen der beiden Mädchen an. Der Krieg macht sie zu Verbündeten, zu erwachsenen Frauen und nicht zuletzt zu Freundinnen. Denn was zählt ist nicht mehr die gesellschaftliche Standeszugehörigkeit. Regeln sind hinfällig, die Liebe ist hinfällig, allein "(...) der Augenblick, (...), ist alles, was zählt."
Gina Mayer gelingt es, packend und schnörkellos ein grausames Kapitel unserer Geschichte zu erzählen. Dabei wählt sie die Perspektive zweier junger Frauen, erzählt von ihren Leben, ihren Lieben und Sehnsüchten. Zwei Mädchen, herausgerissen aus einer aufkeimenden Jugend, auf dem Weg ins erwachsene Leben vom politischen Allmachtswahn und seinen unfassbaren Folgen aus der Bahn geworfen.
Im Anhang findet sich neben einem Glossar ein Interview mit einem Zeitzeugen. Zudem lässt sich die Reise der beiden Protagonistinnen auf einer Karte verfolgen. Das Schicksal der Romanfiguren wird greifbar, real. Gina Meyer hat viele Interviews geführt, sie hat recherchiert und viel gelesen. Entstanden ist ein Buch, das berührt, ohne Kitsch, ohne unaushaltbares Grauen und doch schonungslos offen.
Bewertung

 sehr empfehlenswert

Rezensent

 ar, Bremen

  in der AJuM Datenbank Ja
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