GEW

Eine Buchbesprechung der
Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien
der GEW
AJuM

Autor Larsen, Reif
Titel Die Karte meiner Träume
Übersetzer / Originalsprache Allié & Kempf-AlliéAmerikanisches Englisch
Illustrator Gibson, Ben
ISBN 978-3-10-044811-8 Reihe
Verlag S. Fischer, Frankfurt, 2009
Seitenzahl 435 Preis 22,95 € (D)
Ausführung
Einsatzmöglichkeiten Büchereigrundstock
Medienart Buch: Hardcover Gattung  Adoleszenzroman
Zielgruppe 16-17
ab 18
Inhaltsangabe T.S. Spivet ist ein manischer Zeichner: alles wird schematisiert, kartografiert, strukturiert, egal, ob es sich um Technik, Geografie, Beziehungen, Bewegungen oder Verwandtschaftsgrade handelt. Er erzählt von seiner merkwürdigen Familie und einer noch merkwürdigeren Auszeichnung, durch die er 1. in Gefahr und 2. in die Medienwelt der Erwachsenen und 3. in ein Lügengebäude gerät. Nur eine unerwartete Handlung seines Vaters befreit ihn daraus.
Beurteilungstext Ein merkwürdiges Buch, ein spannendes, witziges, geistreiches und weit reichendes. So etwas zu lesen macht Spaß, denn die überbordende Fantasie des 12-jährigen Ich-Erzählers und seine gleichzeitig allgegenwärtige Nüchternheit, geradezu naturwissenschaftliche Überkorrektheit überschlagen sich ständig und drängen ihn schließlich in eine ausweglos erscheinende Sackgasse der Anforderungen.
Die Ich-Erzählung wird nahezu lückenlos begleitet von Zeichnungen und Rand-Anmerkungen (Zum Glück und zur besseren Lesbarkeit handelt es sich nicht um Fußnoten, sondern wahrhaftig um an den Rand gesetzte Texte). Die Zeichnungen sind oft winzig klein, immer aber exakt und zeigen manches Mal verblüffende Kenntnisse und Anschauungen. Offensichtlich wird mit jedem Detail, dass es sich bei T.S. um ein hochbegabtes Kind handelt. Aber eben auch um ein Kind, das zwar im Nachhinein genau analysiert, was gerade geschah, seine Handlungen selbst sind aber oft rein kindlich.
Seine Familie besteht aus der erfolglosen Naturwissenschaftlerin, die einen Antipoden geheiratet hat, einen Cowboy, wie John Wayne es gerne gewesen wäre. Die Schwester ist ein Teenie pur, außer gelegentlicher Ausbrüche von ihr bestehen zwischen den Geschwistern wenig Bande. Das Trauma ist der Bruder, der sich kürzlich erschossen hat, T.S. lebt in der Vorstellung, schuldig daran zu sein. In der Familie wird nicht darüber geredet; keiner will mehr daran rühren. Dieser Bruder Layton ist für T.S. allgegenwärtig, alles erinnert ihn an den Bruder, stets überlegt er, wie Layton hier oder da reagiert hätte. Erst als T.S. genötigt ist, einen Festvortrag zu halten, redet er von Layton und dem Tod. Und erst dieser Festvortrag liefert die Motivation, seine große Reise zu unternehmen.
T.S. wird von einer Washingtoner Akademie für ein kartografisches Genie gehalten und mit einem Preis geehrt. So macht er sich - weil er meint, mit niemandem darüber reden zu können (wer kann denn schon glauben, dass ein 12-Jähriger einen Akademie-Preis bekommen sollte?) - auf den Weg. Und mitten im beginnenden 21. Jahrhundert liefert uns der Autor eine Hobo-Reise, wie sie Jack London 100 Jahre zuvor beschrieb: per Tramp mit der Bahn durch den gesamten US-Kontinent inclusive Mordanschlag und Notwehrreaktion.
Larsens überbordende Fantasie, die das Abenteuer im Kleinsten wie in dieser großen Reise findet, überschlägt sich am Schluss - aus diesem Knäuel kann dann nur noch ein handfester Kinnhaken des Western-Vaters heraus helfen. Und der unglückliche Knabe, der der Abenteurer endlich wieder sein kann, findet in den Schoß der Familie zurück.

Ein Genuss für sich ist die Typografie von Andreas Michalke: Ebenso sorgfältig wie vielfältig ausgesucht, für jeden Text passend in Größe, Form und Struktur (besonders auch die leicht ver-druckte größere Schrift des Romans der Mutter - auf den ich hier gar nicht eingegangen bin und der dennoch eine zentrale Rolle im Gesamttext spielt).
Ein fantastisches Buch. Buchstäblich. Und wirkliche Leseratten können dieses Buch schon ab 12 Jahren in die Hand nehmen.
Bewertung

 sehr empfehlenswert

Rezensent

 cjh, Berlin

  in der AJuM Datenbank Ja
  Für namentlich oder mit Namenskürzel gekennzeichnete Beiträge und Beurteilungen liegt die presserechtliche Verantwortung beim jeweiligen Autor bzw. bei der jeweiligen Autorin.
 
AJuM der GEW c/o Ulrich H. Baselau, Osterstr. 30, 26409 Wittmund