GEW

Eine Buchbesprechung der
Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien
der GEW
AJuM

Autor Kuhlman, Evan
Titel Der letzte unsichtbare Junge
Übersetzer / Originalsprache Gutschhan, Uwe-MichaelEnglisch
Illustrator Coovert, J.P.
ISBN 978-3-423-76001-0 Reihe
Verlag dtv, München, 2010
Seitenzahl 74 Preis 14,95 € (D)
Ausführung
Einsatzmöglichkeiten Büchereigrundstock
Medienart Buch: Hardcover Gattung  Tagebuchroman
Zielgruppe 14-15
8-9
Inhaltsangabe Seit Finns Vater unerwartet gestorben ist, wird Finn Tag für Tag durchsichtiger, bis er fast verschwunden ist. Wie sein Vater war, wie er gestorben ist und vor allem: Was er Finn und seiner Familie bedeutet hat, beschreibt der Junge in einem lustig-melancholischen Tagebuch.
Beurteilungstext Finn ist zwölf, als seine Familie einen schrecklichen Verlust erleidet. Daraufhin passiert mit Finn etwas Seltsames. Er wird allmählich unsichtbar. In Tagebucheinträgen, die manchmal skurril, manchmal traurig und selbst dann wehmütig sind, wenn sie von etwas sehr Schönem handeln, nähert Finn sich dem Tag des Verlustes. Wir lesen viel über sein Leben, über seine Freundin Meli, und wir betrachten all die Orte, die ihm etwas bedeuten, denn er illustriert dieses Tagebuch mit witzigen, simplen s/w Bildchen. Logbuch-Eintragungen von fernen Raumschiffen finden wir neben Friedhofsgeschichten, und immer wieder werden die Kapitel überschrieben mit: "Eine wahre Geschichte über einen verschwindenden Jungen, Teil xy".
Finn will nicht sagen, was wirklich mit seinem Dad passiert ist, aber dass er fort ist, entnehmen wird dem Imperfekt, in dem er über seinen Vater spricht. Auch die Tagebucheinträge, die sich um das Thema Zeit drehen und wie erbarmungslos diese Zeit ist, geben uns einen Hinweis. Dass der Vater im Himmel sein muss, wird dadurch klar, dass Finn sich und seinen jüngeren Bruder in Fantasiespielen mit einem Raumschiff in den Himmel fliegen lässt, oder indem er die Lage des Hauses beschreibt, in dem die Familie lebt: Auf einem Hügel, "einem kleinen bisschen näher dem Himmel".
Warum will Finn uns nicht sagen, was mit seinem Dad passiert ist, fragt man sich, und ahnt: Weil er es sich selbst nur schwer eingestehen kann. Aber auf S. 180. , Kap. 54, hat er sich - gewissermaßen multimedial - dem Thema so angenähert, dass er es über sich bringt, es sich selbst und damit uns zu erzählen. Überschrieben mit: "Die wirklich nächste Rate der schrecklichen Wahrheit" erfahren wir es. Sein Vater ist völlig überraschend mit 36 Jahren während eines Fluges an Herzversagen gestorben. Diese sehr berührende Stelle ist das längste Kapitel des Buches. Es wirkt durch und durch authentisch und treibt einem beim Lesen die Tränen in die Augen.
Für Finn ist seine illustriertes Tagebuch, zu dem neben diesem schrecklichen Tag zugleich auch ein ganzer Haufen wunderbarer Erinnerungen gehört, eine Auseinandersetzung mit dem Tod, dem Schmerz und der Bitterkeit, zugleich aber auch die Geschichte einer Heilung. Allmählich kommt die Farbe in ihn zurück, macht aus dem geisterhaften Wesen wieder einen fast ganz normalen Junge, der mit seiner Trauer leben kann.
Das Tagebuch ist in Ich-Form geschrieben, die Sprache hat leichte Anklänge von Jugendsprache ("Yep …"). Zugleich wartet es mit einer Besonderheit auf, die mich nicht restlos überzeugen konnte: Finn sucht wiederholt den Dialog mit dem Leser. ("Wir machen jetzt eine Pause, okay? Hey, was soll das, wir haben uns doch auf eine Pause geeinigt. Nicht weiterlesen.") Solche Kommentare finde ich überflüssig. Es ist eine Aufforderung, die nicht zum Verständnis, nicht zur Empathie beiträgt, sondern ist lediglich ein Griff in die Trickkiste, um die Aufmerksamkeit des Lesers aufrecht zu erhalten. Was bei einem so berührenden Buch gar nicht nötig ist! Ohne dieses ständige Nachfragen in Richtung Leser wäre dieses Buch durch seine innovative Auseinandersetzung mit dem Tod sehr, sehr empfehlenswert. So ist es nur sehr empfehlenswert.
Bewertung

 empfehlenswert

Rezensent

 krä, Berlin

  in der AJuM Datenbank Ja
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