GEW

Eine Buchbesprechung der
Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien
der GEW
AJuM

Autor Rinke, Moritz
Titel Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel
Übersetzer / Originalsprache
Illustrator
ISBN 978-3-8337-2587-6 Reihe
Verlag Goya Lit bei Jumbo, Hamburg, 2010
Seitenzahl Preis 24,95 € (D)
Ausführung
Einsatzmöglichkeiten Büchereigrundstock
Medienart Audio-CD Gattung  Roman
Zielgruppe ab 18
Inhaltsangabe In Pauls Leben als erfolgloser Galerist in Berlin bricht die Vergangenheit seiner Familie des gesamten letzten Jahrhunderts ein, als sein Elternhaus im Worpsweder Moor zu versinken droht. Die Bronzestatuen seines Bildhauer-Großvaters gehen nicht nur unter, sondern politisch nicht mehr korrekte Statuen tauchen wieder auf. Der Grundbruch des Hauses bringt auch Pauls sicher geglaubte Vergangenheit ins Wanken und deckt unglaubliche Familiengeheimnisse auf.
Beurteilungstext Dies ist ein Roman voller Geschichten, die nach und nach die Wirklichkeit ersetzen. Groteske Szenen reihen sich aneinander. So stellt Paul ausschließlich die Kunst eines blinden Malers aus; die Absurdität wird auf die Spitze getrieben mit der Figur des Zivi, der ihm sagt, ob er die Extremitäten seiner Figuren mehr rechts oder links setzen muss. Die Frage nach dem wirklichen Vater Pauls wird durch den Hustensaft (!) seiner Kindheit ausgelöst, und der Beweis für Rilkes historischen Besuch bei Pauls Großeltern ist ein angebissenes Stück Kuchen, das im Gefrierschrank aufbewahrt wird. Nicht zuletzt wird in Worpswede Jahr für Jahr ein neuer KDJ (die Assoziation zu KDF und dem 3. Reich wird so gleich mitgeliefert), soll heißen Künstler des Jahrhunderts ausgerufen.
Mit der Rückkehr zur Wirklichkeit bleibt Paul als Paul zurück. Den übermächtigen Namen Kück hatte er schon gestrichen und sich lediglich Wendland genannt; mit Aufdeckung seiner wahren Abstammung fällt auch dieser Name in sich zusammen. Ganz auf sich selbst zurückgeworfen steht Paul vor den gescheiterten Beziehungen zu Mutter und Freundin, unfähig, Kontakt mit seinem Vater aufzunehmen. Selbst Schrotthändler Kowacz stellt ihm seine Bilder vor die Tür, so dass auch das bisher schön geredete Berliner Galeristenleben als gescheitert gelten darf. Mit seinem Elternhaus versinken die Zeugen der Vergangenheit im Moor; unaufgearbeitet. Der Grundbruch des Hauses steht als Symbol, auf solchem Grund kann Paul kein neues Leben gründen; er hat für immer morastige Füße.

Stefan Kaminski kann seine Stärke - das Schlüpfen in viele verschiedene Stimm-Rollen - voll ausspielen, wenn er z.B. den russischen Kunststipendium-Betrüger spricht. Seine Frauenfiguren sind jedoch nicht ganz so überzeugend; und in Passagen, in denen Pauls (naive) Überlegungen dargelegt werden, ist er zu brav. So gibt es immer wieder Stellen, in denen beim Hörer leises Unbehagen aufkommt, - das mag jedoch vor allem an den hohen Erwartungen an Kaminski liegen. Insgesamt ist seine Lesung wirklich hörenswert und über sechs CDs tragend.
Bewertung

 sehr empfehlenswert

Rezensent

 sr, Berlin

  in der AJuM Datenbank Ja
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