GEW

Eine Buchbesprechung der
Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien
der GEW
AJuM

Autor Frank, Astrid
Titel Das Pferd des Teufels
Übersetzer / Originalsprache
Illustrator
ISBN 978-3-522-17883-9 Reihe
Verlag Thienemann, Stuttgart, 2008
Seitenzahl 286 Preis 13,90 € (D)
Ausführung
Einsatzmöglichkeiten Büchereigrundstock
Medienart Hardcover Gattung  Geschichtsroman
Zielgruppe 12-13
14-15
Inhaltsangabe Köln im Mittelalter: Als Anna auf dem Markt ihre Ware verkaufen will, stellt der Marktherr ihr nach, weshalb ihr sonst lammfrommer Rappe Christopherus den Mann mit den Hufen verletzt. Sofort wird sie als im Bund mit dem Teufel und das Pferd als besessen angeklagt, beiden wird der Prozess gemacht. Folter und Todesstrafe drohen beiden. Annas Kinderfreund Daniel versucht, den Einfluss seiner Familie geltend zu machen. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, um Anna und ihr Pferd zu retten.
Beurteilungstext Astrid Franks historischer Roman für Jugendliche packt den Leser. Das liegt nicht nur an der gut erzählten Geschichte, die durch flüssigen Stil und bruchlose Handlungsführung überzeugt. Die sorgfältig recherchierten historischen Umstände und das Thema (Tierprozesse) ziehen einen unweigerlich in den Bann, weil es der Gesellschaft den Spiegel vorhält und den "Geschichtsunterricht" ins Buch bringt, ohne belehrend zu wirken: das Mittelalter ist der Horizont, vor dem die Handlung spielt. Einerseits kann sie sich nur so entfalten, gerade weil sie im Mittelalter spielt. Auf einer abstrakteren Ebene stimmt jedoch genauso, dass Intoleranz, Ignoranz und Indoktrination zu jeder Zeit eine Gefahr für denjenigen darstellen, der andere Werte teilt, als auch für die Gesellschaft, die keine Weiterentwicklung erfährt. Wie verschieden das Leben der Menschen im Köln des Mittelalters vom heutigen Leben war, wird eindrücklich dargestellt, und wie machtlos selbst einflussreiche Bürger gegen das Wort der Kirche waren, das alle Bereiche des Lebens regierte. Auch, wie Macht korrumpiert, viele aus niederen Motiven sie ausnutzen und das eigentliche Ziel, ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen, aus den Augen verlieren durch Interpretation und Aberglaube, wird augenfällig.
Ganz nebenbei erfährt der Leser eine Menge über die Gesellschaftsstruktur im 16. Jht., die Organisation des Alltags, Sitten und Gebräuche, was spannend und interessant an sich ist. Die Liebesgeschichte, die nie ein Happy end finden kann, setzt einen romantischen Akzent, veranschaulicht aber ebenso die starre Struktur der Gesellschaft und ist so auch ein Mosaikstein in dem Bild, das Frank vom Mittelalter in einer Stadt wie Köln zeichnet.
Einziges, manchmal störendes Element: zwar wird der Großteil der Geschichte durch einen personalen Erzähler, der die Perspektive Annas wiedergibt, geschildert; doch hin und wieder durchbricht Frank diese Perspektive und setzt an ihre Stelle die Sicht des Pferdes Christopherus. Dies wirkt fehl am Platz, zu kitschig für den sonst sehr realistisch erzählten Roman, und ist außerdem überflüssig, da Frank auch ohne diesen Perspektivenwechsel fühlbar macht, wie verheerend sich die harsche Behandlung auf das Tier auswirkt; der Leser leidet mit den Hauptfiguren, ob Tier oder Mensch.
Der Roman ist keine leichte Kost, dementsprechend gibt es auch kein uneingeschränktes happy end, der Hetze und dem Aberglauben fallen Glück des Einzelnen, finanzielles Auskommen und Leben zum Ofper, so oft, dass es für Anna Normalität ist und das Überleben bereits ein Geschenk. Frank zeichnet ein sehr stimmig wirkendes Bild in ihrem Roman; auch die Bibelverse, die jedem Kapitel vorangestellt sind, unterstreichen, wie sehr Texte durch Interpretation falschen Zwecken dienen können.

Außerdem positiv aufgefallen: Glossar und Quellenverzeichnis. Das Glossar erleichtert das Verständnis, denn viele im ausgehenden Mittelalter geläufigen Berufe, Gegenstände und Sachverhalte sind heutzutage nicht mehr bekannt, die kurzen Erläuterungen helfen sehr. Das Quellenverzeichnis macht deutlich, dass die Autorin keine Phantasiegeschichte zu Papier gebracht hat, sondern einen historischen Jugendroman. Die angegebenen Quellen unterstreichen, dass es all die Dinge, Meinungen und Glaubensgrundsätze, die wesentliche Elemente der Geschichte sind, gegeben hat. Ältere jugendliche und erwachsene Leser mögen die angegebenen Texte bei Interesse zur weiteren Information über das Mittelalter benutzen.
Bewertung

 sehr empfehlenswert

Rezensent

 EH, Baden-Württemberg

  in der AJuM Datenbank Ja
  Für namentlich oder mit Namenskürzel gekennzeichnete Beiträge und Beurteilungen liegt die presserechtliche Verantwortung beim jeweiligen Autor bzw. bei der jeweiligen Autorin.
 
AJuM der GEW c/o Ulrich H. Baselau, Osterstr. 30, 26409 Wittmund