GEW

Eine Buchbesprechung der
Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien
der GEW
AJuM

Autor Balthazar, Nic
Titel Ben X
Übersetzer / Originalsprache Wansleben, EvaFlämisch
Illustrator
ISBN 978-3-596-80898-4 Reihe
Verlag Fischer Schatzinsel, Frankfurt, 2009
Seitenzahl 95 Preis 6,95 € (D)
Ausführung
Einsatzmöglichkeiten Büchereigrundstock
Medienart Buch: Taschenbuch Gattung  Erzählung
Zielgruppe 12-13
14-15
16-17
ab 18
Inhaltsangabe Ich bin nebenan." sagt seine Mutter, und Ben denkt: "Ich bin auch nebenan. Schon ein ganzes Leben lang." Ben ist Autist, und wir erhalten die Gelegenheit, in ihn hineinzuschauen. Es ist eine uns völlig fremde Welt, extrem geordnet in die Anzahl der Laternenpfähle und der Streifen des Fußgängerüberwegs, der pünktlichen Abfahrtszeit des Busses. Schreiben ist leichter als Sprechen.
Beurteilungstext Wir sind mittendrin in diesem 17-jährigen Jungen und erleben die andere Welt, die äußere, nur nebenbei. Ben geht in eine Schule für "normale" Kinder, und sein Arzt (Ben nennt ihn Doktor Hmm) weiß nun, dass Ben ein "Randautist" ist. Dumm und Jerry heißen in Wirklichkeit Desmet und Ratzko und sind die, die Ben quälen - wann und womit immer sie können. Das "Volk" steht gern daneben, freut sich, dass es nicht selbst Ziel der Attacken ist, und jubelt stattdessen.
Das sind die Situationen, die wir mit "Mobbing" umschreiben müssen, nicht das tägliche Gezänk und Gestreit zwischen annähernd Gleichstarken. Ben ist deutlich nicht gleichstark. Er ist nicht einmal halbstark. Ben ist Autist, der sich auskennt in virtuellen Welten des Computers, in "Lethal Assault" hat er den "topscore" mehrfach verbessert, und dann hat er den Chat entdeckt. Dort kann er sich anders ausdrücken, gereimt, dort kann er Zorro sein. Dort lernt er auch Barbie kennen. Ein ganz zufälliger Glücksfall für ihn, für die Geschichte, für uns.

Nic Balthazar gelingt ein Spagat. Er öffnet uns eine Welt, die er selbst gar nicht kennen kann, es sei denn, er selbst sei Autist wie Ben. Dann könnte er es aber umso weniger. Wie Ben werden wir hineingeworfen in mindestens zwei Welten. Manchmal, vor allem in den letzten zwanzig Seiten, wissen wir nicht so genau, in welcher wir gerade leben.
Zurück bleibt für die Leser ein Gefühl der Unsicherheit, wie man sich denn benehmen soll, wenn man selbst mit Autisten zu tun haben sollte. Dieser Unsicherheit setzt der Autor genau dieses Buch entgegen.
Prüde Menschen haben sicher Einiges zu bemängeln a) im Chat: "Sickfuck: Alles geritz' hinter dem Schlitz?" wobei "Sickfuck" kaum übersetzbar ist mit nur "krank" und "f…en" - oder b), dass sich Ben eben mal schnell "befriedigt". Wenn man 17 Jahre alt ist, dann gibt es bestimmte hormonell bedingte Verhaltensweisen, die sind, wie sie sind. "Barbie" setzt mit ihren Bedürfnissen "als weibliches Wesen, die dann auch noch einen Weg zu Ben und seiner "Befreiung" findet, diesen Befürchtungen für das lesende Auge Jugendlicher einen weiteren Angriffspunkt. So merkwürdig ist UNSERE Welt.

Der Ausgangspunkt von "Ben X" war eine Zeitungsmeldung, in der über einen autistischen Teenager berichtet wurde, der "Selbstmord beging, weil man ihm das Leben unmöglich machte". Daraus entstanden das Buch und ein Theaterstück, das drei Jahre durch Belgien tourte.
Wer das Buch las, wird die Welt ab dann mit anderen Augen sehen. Wenigstens für eine Weile.

Bewertung

 sehr empfehlenswert

Rezensent

 uhb, Niedersachsen

  in der AJuM Datenbank Ja
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