GEW

Eine Buchbesprechung der
Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien
der GEW
AJuM

Autor L´Homme, Erik
Titel Phaenomen
Übersetzer / Originalsprache Schäfer, StefanieFranzösisch
Illustrator
ISBN 978-3-941087-39-2 Reihe
Verlag Jacoby & Stuart, Berlin, 2009
Seitenzahl 527 Preis 19,95 € (D)
Ausführung
Einsatzmöglichkeiten
Medienart Buch: Hardcover Gattung  Abenteuererzählung
Zielgruppe 12-13
16-17
Inhaltsangabe Vier Jugendliche leben in einer Schweizer Klinik für auffällige Kinder. Ihre Wahrnehmungen sind anders als normalerweise und machen sie nahezu lebensunfähig. Als ihr Psychologe entführt wird, machen sie sich auf den Weg ihn zu befreien. Endlich können sie ihre “Defekte” sinnvoll einsetzen, entdecken immer absurdere Zusammenhänge zwischen ihnen und der Welt, den Geheimdiensten und -organisationen. Letztlich erreichen sie ihr Ziel, offen bleibt, welches eigentlich.
Beurteilungstext Wer Verschwörungstheorien liebt, kommt hier voll auf seine Kosten - und das ist das eigentliche Manko dieses Bachsteines von Abenteuerbuch. Eine der bedienten Theorien ist, dass die Apollo-Landung auf dem Mond ein Fake war - die letztliche Erklärung allerdings ist ein Schlag ins Gesicht der Verschwörungstheoretiker; der Plot ist wirklich amüsant-absurd. Aber zwischendrin geht es munter weiter mit Geschichtsreparaturen (es war alles anders, als man es in Geschichtsbüchern lesen kann) und mit den berühmten verschollenen Dokumenten (die Bibelvarianten, die “vom Vatikan unterdrückt wurden”, von den Marco-Polo-Texten, die aus seinen Reiseberichten entfernt wurden etc.).
Aber das ist nur der Hintergrund der abenteuerlichen Reisen des jungen Quartetts durch die Weltgeschichte. Interessant ist der eigentliche Plot: Die Vier haben Eigenschaften, die sie in ihren Abenteuern sehr gut gebrauchen können, die aber im Alltagsleben äußerst unangenehme Nebenwirkungen haben. Violaine sieht um jeden Menschen einen Drachen schweben, die sie mit Hilfe ihres eigenen Drachen beeinflussen kann, damit ihren Willen dem anderen aufzwingt (Nebenwirkung: scheinbar unkontrollierbare Wut- & Gewaltausbrüche); die somnambule Claire kann sich kurzfristig mit Lichtgeschwindigkeit bewegen (dafür kann sie im Alltag nicht alleine laufen und fällt nach einer Aktion regelmäßig in Ohnmacht); Arthur kann in Sekunden ganze Buchseiten, Fahrpläne etc. lesen und behält alles gespeichert, kann es jederzeit abrufen (und leidet so extrem unter Reizüberflutung, dass er einen künstlichen Ablenkungsmechanismus entwickeln muss) und Nicolas muss seine Augen unter einer dunklen Brille verbergen, weil er so lichtempfindlich ist, dass er sogar durch Gegenstände, Mauern, Pflanzen hindurchsehen kann, was sich dahinter verbirgt.
Allen Vieren ist gemeinsam, dass sie mit ihren Fähigkeiten nicht bewusst umgehen können und selbst oft erstaunt sind über die Ergebnisse. Erst im Laufe der Handlung werden sie reifer und bekommen alles mehr oder weniger in den Griff.
Ihr Psychologe wird entführt, weil er im Besitz von Dokumenten ist, die beweisen, dass die Apollo-Mission ein Fake war. Warum die USA allerdings einen solchen Aufwand betrieben, erklärt sich erst später. Neben den beiden Geheimdiensten CIA und FBI gibt es nämlich noch zwei weitere, noch geheimere Geheimdienste, die sich gegenseitig bekriegen und in diese Auseinandersetzung geraten nun unsere Helden, die ihre Fähigkeiten immer im letzten Augenblick und dann sehr effektiv einsetzen. Sie reisen dabei nach Paris, nach London, nach Südamerika, auf die Philippinen und wieder nach Frankreich - beneidenswerte Touren für 15-Jährige. Das Eine entwickelt sich aus dem Anderen, sie treffen Freunde und Feinde, die Fronten verschieben sich und finden schließlich ein sagenhaftes Bergwerk, in dem die Geheimdienste etwas suchen, was an das Paradies erinnert.
In einem Show-Down werden dann alle Bösewichter erschossen, leider auch unsere Helden - aber vielleicht doch nicht, es könnte sein, dass sie in ihrem Paradies weiter leben.

Also letztlich doch eine reine Fantasy-Geschichte, m.E. hat mit der Hintergrundgeschichte der Autor eine Chance vertan - aber sich damit gleich einen großen Fankreis geschaffen. Man braucht nur zu googeln, um zu sehen, dass L´Homme auf dem französischsprachigen Markt fest etabliert ist und eine Fülle an Äußerungen provozierte.

Und was das Wichtigste ist, er hat einen über 500 Seiten langen spannenden Roman geschrieben, der, zumindest anfangs, immer eng an der Grenze zwischen Realität und Fantasie entlang schrammt, so dass die Reaktionen glaubhaft erscheinen und die Außenseiter der Gesellschaft Fähigkeiten entwickeln lässt, die weit über ihr Alter und die besonderen Begabungen hinausgehen: sie behaupten sich gegen alle Vorurteile und erkennen, dass sie nur gemeinsam stark sind.

Das angesprochene Alter wird besonders gut bedient. Alle Eltern haben sie aufgegeben, sie fühlen sich unverstanden und allein gelassen und müssen sich mit der neuen Situation auseinander setzen, Freunde finden. Die 66 Kapitel sind sehr kurz, alle nach dem gleichen Muster aufgebaut : erst eine Äußerung eines Protagonisten, der Leser muss sich dabei selbst denken, von wem sie stammen kann, dann folgt die Handlung und am Schluss steht das Zitat aus einer solide klingenden, aber fiktiven Quelle, die Belesenheit und historische und naturwissenschaftliche Bildung vorgaukelt.
Darüber kann man herrlich debattieren.
Und über die Nebenwelt-Geschichte, der die Vier entstammen, sowieso.
Bewertung

 sehr empfehlenswert

Rezensent

 cjh, Berlin

  in der AJuM Datenbank Ja
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