GEW

Eine Buchbesprechung der
Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien
der GEW
AJuM

Autor Maar, Paul
Titel Kartoffelkäferzeiten
Übersetzer / Originalsprache
Illustrator
ISBN 978-3-473-52264-4 Reihe
Verlag Ravensburger, Ravensburg, 2009
Seitenzahl 320 Preis 7,95 € (D)
Ausführung
Einsatzmöglichkeiten Büchereigrundstock
Medienart Buch: Taschenbuch Gattung  Historische Erzählung
Zielgruppe 10-11
12-13
ab 18
Inhaltsangabe Während der Nachkriegszeit lebt Johanna (12 Jahre alt) in einem kleinen Dorf in Deutschland in einem reinen Frauenhaushalt (mit Mutter, Tante, zwei Großmüttern). Die Frauen verdienen ihren Lebensunterhalt mit einer Kneipe, bis der Vater aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurückkehrt.
Beurteilungstext “Kartoffelkäferzeiten” ist 1990 als Originalausgabe im Verlag Friedrich Oetinger erschienen, 2005 das erste Mal als Taschenbuch bei Ravensburger und 2009 als Neuauflage herausgekommen. Die Erzählung von Paul Maar hat autobiographische Züge, auch wenn der Autor wegen der persönlichen Distanz ein Mädchen als Hauptperson wählte.
Der Leser kann sich hervorragend in die Nachkriegszeit einfühlen: der Vater in russischer Kriegsgefangenschaft, die Oma, die das Regiment im Hause führt, die Tante, die mit einem amerikanischen Soldaten anbändelt, die Bedeutung der Kirche am Sonntag, die kleine Dorfschule bis zur 8. Klasse, die Nahrungsmittelknappheit bis zur Währungsreform. Rückzugsmöglichkeiten für einzelne Familienmitglieder gab es in dem Haus durch die Einquartierung von Flüchtlingen kaum.
Paul Maar lässt Johanna in seiner Erzählung reifen. Zuerst ist das Mädchen ganz zufrieden mit seiner kleinen Oma, der sie gern zur Hand geht. Später bekommt sie durch die andere Oma, Mutter des Vaters, die aus ihrer ausgebombten Wohnung in der Stadt zu ihnen aufs Dorf zieht, einen anderen Blick. Die beiden Omas kämpfen mit Worten und Taten um die Herrschaft im Haus.
Wesentlich im Handlungsverlauf ist die Freundschaft Johannas zu einem Jungen ihrer Klasse, der ihr sympathisch ist, mit dem sie aber nach Anordnung der Oma keinen Kontakt pflegen darf, weil er ein uneheliches Kind und sein Vater unbekannt ist. Johannas Mutter spielt in diesen wichtigen Entscheidungen keine Rolle. Die strenge Moral dieser Jahre wird immer wieder deutlich.
Im “Roten Baron”, (als “rot” bezeichnet, weil er der SPD nahesteht), der im Schloss auf dem Nachbargrundstück lebt, findet Johanna einen Erwachsenen, der weltoffener wirkt und mit dem sie Probleme besprechen kann.
Als die Tante sich der Großmutter widersetzt und mit ihrem amerikanischen Freund nach Amerika zieht, ist das Eis gebrochen und auch Johanna möchte aus der Enge des Dorfes ausbrechen.
Die Gräueltaten des Krieges können nur erahnt werden. Der Vater hat nach seiner Rückkehr erst die “Wassersucht”, ausgelöst durch den langen Hunger, und danach wie viele Heimkehrer die “Stacheldrahtkrankheit”, die wir heute als Depression infolge der grausamen Kriegserlebnisse bezeichnen würden.
Paul Maar pflegt einen lockeren Erzählstil mit viel Sympathie für seine Figuren. Viele Dialoge lassen das Werk sehr lebendig erscheinen. Die Personen wirken lebensecht, ihre Erlebnisse und etwas unterkühlten Gefühle geben die Zeit exakt wieder. Das Buch ist schon mit Preisen ausgezeichnet worden und deshalb ist es erfreulich, dass junge Leser nun wieder Gelegenheit haben, sich in diese Neuauflage zu vertiefen.
Bewertung

 sehr empfehlenswert

Rezensent

 Schr, Niedersachsen

  in der AJuM Datenbank Ja
  Für namentlich oder mit Namenskürzel gekennzeichnete Beiträge und Beurteilungen liegt die presserechtliche Verantwortung beim jeweiligen Autor bzw. bei der jeweiligen Autorin.
 
AJuM der GEW c/o Ulrich H. Baselau, Osterstr. 30, 26409 Wittmund