GEW

Eine Buchbesprechung der
Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien
der GEW
AJuM

Autor Hoffmann, Hans Peter
Titel Der Flug auf dem Drachen - Ein philosophischer Abenteuerroman
Übersetzer / Originalsprache
Illustrator
ISBN 978-3-446-23384-3 Reihe
Verlag Hanser, München, 2009
Seitenzahl 385 Preis 16,90 € (D)
Ausführung
Einsatzmöglichkeiten Büchereigrundstock
Medienart Buch: Hardcover Gattung  Philosophischer Abenteuerroman
Zielgruppe 14-15
16-17
ab 18
Inhaltsangabe Anja stürzt auf dem Weg zu ihrem Vater, der als deutscher Philosoph eine Stelle in einer chinesischen Stadt angenommen hat, über dem chinesischen Dschungel ab. Der Pilot und sie überleben. Nachdem sie Schutz in einer Höhle gesucht haben, verwandelt sich diese in eine Mischung aus Geschichtskino und Zeitportal. Beide geraten in das 3. Jahrhundert vor Christus, wo Anja skurrile Freunde findet, sie chinesische Philosophien kennen lernt, Abenteuer besteht und sich auf das Erwachsenwerden zubewegt.
Beurteilungstext Ein philosophischer Abenteuerroman aus dem alten China" - uff, der Untertitel ist Programm, und damit stellt der studierte Sinologe Hoffmann an sich und an den jugendlichen Leser hohe Ansprüche. Gut, dass da noch das Wörtchen "Abenteuer" drinsteckt - doch lässt sich das Vermitteln komplexer und vor allem dem Europäer fremder chinesischer Philosophie und das Ermöglichen traditionellen Abenteuer-Lesevergnügens übereinbringen? Hoffmann versucht es über die bekannte Konstruktion der Zeitreise, die hier allerdings nicht nur dem Namen nach als "Flug auf dem Drachen" eine sehr chinesische Gestalt hat. Die Zusammenhänge zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, das Denken des Lebens und der Zeit als Kreislauf werden von den chinesischen Figuren reflektiert und abhängig von ihrer philosophischen Richtung interpretiert. Dazu stellt Anja stellvertretend für den Europäer Fragen und sie versucht, sich vor ihrem europäisch-jugendlichen Horizont chinesisches Nachdenken über das Leben und die chinesische Geschichte zu erklären. Letztere erscheint nicht weniger kompliziert und sorgt für die Abenteuer: In der sogenannten Zeit der Kämpfenden Reiche, in die Lu Dao, der Pilot, und Anja hineingeraten, vollzieht sich der Übergang zum Kaisertum, die Königreiche kämpfen gegeneinander, und damit verbunden ist auch ein neues Denken, das auf materiellen Erfolg, Stärke, Befehl und Gehorsam ausgerichtet ist, ohne Sinn für die alten Philosophien wie den Daoismus. Anja wird aufgrund ihres hellen Haares und ihrer blauen Augen für die Symbolgestalt des Einhorns gehalten, in dem der zukünftige Erste Kaiser von China eine große Gefahr für seine Eroberungspläne und das Gelingen seiner Herrschaft sieht.

So gelingt es Hoffmann Spannung zu erzeugen: Anja gewinnt neue Freunde: den Fenstermenschen, der ein Loch in der Brust hat und Licht trinkt, und den Ritter Gelber vom Ei/Gelber Ritter/Ritter des Reinen Spiegels. Der Ritter ist Daoist und je nach Situation eher albern und schwach oder beeindruckend und kampfstark, stets aber philosophisch. Dann ist da noch Meinherr Geldchen, der als fahrender Händler unterwegs ist und laut Hoffmann stets "auf der Seite des Wandels, der Freude und des heiligen Unernstes" steht. Sie bringen Anja in Sicherheit und zurück in die Gegenwart.

Auf der Flucht begegnen sie einer Zauberin und müssen gegen die schwarzen Reiter des zukünftigen Kaisers kämpfen. Also einige bewährte Zutaten von Abenteuerromanen, und trotzdem liest sich der Roman eher als philosophischer Roman mit einigen Schwierigkeiten, die für ungeübte Leser sicherlich Lesehemmnisse bedeuten. Dies liegt an der mehrsträngigen Erzählweise, den Perspektivenwechseln und der durchaus oft komplexen Wortwahl und Satzbildung.

Die oben angeführten Namen der Personen als sprechende, doch für den Europäer ungewohnte Namen, geben einen ersten Eindruck davon. Auch das Mittel der Reihung, von Hoffmann sehr oft auf Wort-, teils auch auf Satzebene eingesetzt, hemmt hier den Lesefluss. Allerdings machen diese sprachlichen Mittel durchaus Sinn, um Anjas Verwirrung, ihre Versuche, sich alles zu erklären und sich im chinesischen Denken zu üben, deutlich zu machen oder um die Grundgedanken der jeweiligen chinesischen Philosophie darzulegen. Gelungen sind dabei die Denkfiguren und der entsprechende sprachliche Ausdruck, wenn Anja die chinesische Philosophie und das chinesische Leben mit dem ihrer Zeit vergleicht. An diesem Punkt könnte sich auch eine Fortsetzung ergeben, denn Hoffmann deutet an, dass die Freunde aus der Geschichte den Übertritt in die Gegenwart mit vollzogen haben. So wird Anja, ganz klassisch in der Tradition des Abenteuerromans, durch ihr Abenteuer mutiger, und durch das Philosophieren wird sie bereit, wie sie selbst feststellt, sich zugleich auf China mit ihrem Vater und die Erwachsenenwelt einzulassen. Ach ja, über Geschlechterrollen reflektiert sie auch noch, da sie für einen Knappen gehalten, zu ihrer Tarnung aber als Mädchen verkleidet wird, und sich ein anderes junges Mädchen in sie verliebt. Aufgrund dieser Themen der Hauptfigur spricht der Roman doch wohl primär jugendliche Leser beiderlei Geschlechts frühestens ab 14 Jahren an, die auf der Suche nach etwas Besonderem sind, intellektuell und kulturell interessiert und sehr geübte Leser sind. Ratsam erscheint es, Hoffmanns abschließende gute Erklärungen zu seinen Figuren und den historischen Bezügen vor der Lektüre zu lesen, um die genannten Lesehemmnisse leichter überwinden und sich auf den Rhythmus und die ungewöhnliche Atmosphäre des Romans einlassen zu können. Vielleicht ein wichtiger Roman in unserer Zeit, in der China einerseits eine immer bedeutendere Rolle in Weltwirtschaft und Weltpolitik spielt, zunehmend Schüleraustausche und Austauschjahre mit China durchgeführt werden, andererseits die negativen Schlagzeilen über Menschenrechtsverletzungen, Arbeitslager, Umweltverschmutzung, gigantische Bauprojekte und undemokratisches Regieren unser Bild von China prägen.
Bewertung

 empfehlenswert

Rezensent

 KH, Bayern

  in der AJuM Datenbank Ja
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