GEW

Eine Buchbesprechung der
Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien
der GEW
AJuM

Autor Ruebenstrunk, Gerd
Titel Arthur und die vergessenen Bücher
Übersetzer / Originalsprache
Illustrator Sartin, Laurence
ISBN 978-3-7607-3628-0 Reihe
Verlag arsEdition, München, 2009
Seitenzahl 380 Preis 16,95 € (D)
Ausführung
Einsatzmöglichkeiten Büchereigrundstock
Medienart Buch: Hardcover Gattung  Detektiv- und Fantasiegeschichte
Zielgruppe 10-11
12-13
14-15
Inhaltsangabe Der 14-jährige Arthur hilft wie immer in den Ferien im Antiquariat eines alten Buchhändlers aus. Doch nachdem der alte Buchhändler durch einen Fremden besucht und bedroht worden ist, werden Arthur und die gleichaltrige Enkelin des Antiquars, Larissa, in das Geheimnis um die mit geheimnisvollen Kräften aufgeladenen "Vergessenen Bücher" eingeweiht. Sie müssen in Amsterdam und Bologna nach dem "Buch der Antworten" suchen, werden bedroht und verfolgt von einer alten Gegenspielerin des Antiquars.
Beurteilungstext Für bibliophile Menschen ist es wohl immer eine reizvolle und faszinierende Annahme, dass bestimmten Büchern magische Kräfte innewohnen, sie das Leben der Menschheit beeinflussen und in den richtigen Händen aufbewahrt werden müssen. So trägt auch diese Grundidee die Geschichte von den "Vergessenen Büchern, die demnach vor über 1000 Jahren in der Bibliothek von Cordoba aufbewahrt wurden und dem, der sie besitzt, große Macht verleihen. Nach der Zerstörung der Bibliothek wurden sie von gelehrten Männern in Sicherheit gebracht und beschützt. Als "Bund der Bewahrer" wollen sie die Bücher verstecken und verhindern, dass sie in falsche Hände geraten, zum Beispiel in die der "Sucher, die ebenfalls über Generationen hinweg nach den Büchern fahnden, um deren Macht auszunutzen für - natürlich - irgendetwas Böses. Die Spur der Bewahrer verliert sich vor hundert Jahren, doch der alte Buchhändler, der "Bücherwurm, und andere sehen sich in der Tradition der Bewahrer. Nun sind Hinweise auf das "Buch der Antworten" in Amsterdam aufgetaucht. Recht schlicht ist damit leider das zugrundeliegende Gut-Böse-Schema: Es gibt die guten Bewahrer durch die Jahrhunderte hindurch, und immer auch ein paar Böse, die mit der Kraft der Bücher Unheil stiften wollen.

Durch die einzelnen Charakterisierungen wird dies teilweise abgemildert. Denn der Bücherwurm war in seiner Jugend zusammen mit der damals mit ihm befreundeten Madame Slivitsky auf der Suche nach den vergessenen Büchern. Als sie eines gefunden hatten, entfernte er es zusammen mit ihr aus einem Versteck. Doch dann sagte ihm sein Gewissen und der Blick in ihr gieriges Gesicht, dass dies für ihn nicht die richtigen Werte sind. In Folge betrog er sie um das Buch, so dass er sie sich zur lebenslangen Feindin machte. Dies alles erfährt der Leser in einem Prolog. Am Ende des Romans wird der Bücherwurm von Arthur kritisch zu den damaligen Vorkommnissen befragt, immerhin eine weitere Durchbrechung des Schwarz-Weiß-Klischees. Man erfährt, dass das damals gefundene Buch das "Buch der Dunkelheiten" war, das ihn psychisch und physisch fast vollständig unter Kontrolle und negative Gedanken gebracht hatte, so dass es nur mit Hilfe der Dorfbewohner, die von dem Versteck gewusst hatten, und seiner eigenen immensen Willensanstrengung möglich war, das Buch in sein Versteck zurückzugeben - der Ring der Ringe lässt grüßen! Die Söhne von Madame Slivitsky sind hingegen als unsympathische Bösewichte schlechthin gezeichnet und recht eindimensional dargestellt, was durch Arthurs und Larissas Benennung des einen Sohnes als "Narbengrufti" unterstrichen wird. Die Brüder sorgen aber natürlich für Spannung, wenn sie Arthur und Larissa bei ihrer Suche behindern und ihnen das Buch abjagen wollen.

Die Charakterisierung der beiden Hauptfiguren ist jedoch gelungen. Interessant ist, wie die beiden sich in ihren Fähigkeiten ergänzen und diese zunehmend schätzen lernen. Zudem werden dabei Geschlechterklischees wohltuend durchbrochen, ohne aufgesetzt zu wirken. Arthur ist der Bücherliebhaber, der sein Wissen daraus bezieht und die seinen Zugang zur Welt darstellen. Larissa ist an Büchern weniger interessiert, sie liebt es, Technisches zu konstruieren und kann praktischerweise mit Dietrichen umgehen, was sehr weiterhilft bei der Büchersuche.

Recht gut für Jungen ab ca. 11 Jahren eignet sich Arthur als Identifikationsfigur. Da seine Gefühlswelt konsequent aus seiner Perspektive in Ich-Erzählform dargeboten wird. Thematisiert werden dabei seine Emotionen gegenüber den Erwachsenen und gegenüber dem anderen Geschlecht in Gestalt Larissas, die eigene Identitätsfindung, das Staunen über seine eigenen, rational nicht erklärbaren Fähigkeiten, nämlich diese Intuition für die vergessenen Bücher und der Auserwählte als neuer Bewahrer zu sein, der davon selbst nichts weiß und diese Rolle erst einmal nicht annehmen will- hier lässt Harry Potter grüßen. Entwicklungspsychologisch gesehen hat dies allerdings seinen Wert - diese Themen erscheinen durchaus übertragbar auf die Entwicklungsaufgaben in der Pubertät.

Gefallen wird vielen sicherlich auch die Selbstständigkeit und Selbstmächtigkeit der beiden Jugendlichen. Dieses Erzählmuster erinnert an beliebte Detektivgeschichten, wird hier allerdings wesentlich plausibler und weniger klischeehaft bzw. übertrieben in die Gesamthandlung eingebunden als in Serien wie "Die drei ???". Erwachsene Helfer gibt es, diese versagen aber in entscheidenden Situationen oder können nicht eingreifen, so dass sich die Kinder selbst geschickt und einfallsreich wehren müssen.
Etwas aufdringlich kommen hingegen teilweise die Informationen zu den jeweiligen Städten Amsterdam und Bologna daher. Für reiselustige und wissensdurstige Kinder mögen sie interessant sein, auch ist ein gewisses Bemühen erkennbar, dieses Lexikonwissen in die Handlung einzuflechten und nutzbar zu machen, aber stellenweise wirkt es recht aufgesetzt pädagogisch.

Bücher, Bibliotheken, die Liebe zu Büchern, geheimnisvolle Kräfte der Bücher, auserwählte, angeborene Fähigkeiten und intuitive Beziehungen zu Büchern - ein wenig kommt der Gedanke auf, ob man da nicht auf der Welle von Tintenherz mitreiten wollte. Allerdings spielt die Fantastik hier eine wesentlich geringere Rolle. Fantastische Elemente sind sehr zurückhaltend eingefügt: Natürlich die genannte Magie um die vergessenen Bücher herum. Und Gerrit: Er ist von Anfang ein wichtiger Helfer in Amsterdam. Doch erst am Ende wird für Arthur klar, dass es sich um den Schützenjungen aus einem alten niederländischen Museumsgemälde handelt, der nun das Buch der Antworten sicher im Gemälde aufbewahren wird. Der aufmerksame (vielleicht erwachsene) Leser konnte dies schon länger aus verschiedenen rätselhaften Andeutungen heraus vermuten.

Viele Rätsel bleiben am Ende noch ungelöst und machen neugierig auf die Fortsetzung dieses trotz kleinerer Schwächen insgesamt spannend und genügend anspruchsvoll geschriebenen Bücherliebhaber-Romans, der sicherlich vielfältige Lesevorlieben von Jungen und Mädchen ab etwa 10 Jahren bedient.
Bewertung

 sehr empfehlenswert

Rezensent

 KH, Bayern

  in der AJuM Datenbank Ja
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